Neurologische Erkrankungen beim Hund

Vestibularsyndrom und Co

Die Neurologie beschäftigt sich mit Erkrankungen des Gehirns, des Rückenmarks, der Nerven und Muskulatur. Viele neurologische Symptome sind häufig auf den ersten Blick erkennbar und erfordern eine ausführliche Abklärung, um die Ursache ausfindig zu machen. Zu den häufigsten neurologischen Symptomen zählen Krampfanfälle, Bewegungsstörungen, Lähmungen, Koordinationsstörungen, Verhaltensveränderungen, die Kopfschiefhaltung, Blindheit, Hörverlust, Schluckbeschwerden und Schwäche unklarer Ursache.

Ursachen für eine Kopfschiefhaltung beim Hund sind zum Beispiel:

  • Vestibular-Syndrom
  • Raumforndernder Prozess im Gehirn (Gehirntumor)
  • Otitis interna/Otitis media
  • Nervus facialis Lähmung (Nervenlähmung eines Gesichtsnerven)
  • Horner Syndrom
  • Eingabe eines ototoxischen Medikamentes, zum Beispiel gentamycinhaltigen Ohrmedikamentes, bei perforiertem Trommelfell
  • Neurologische Symptome im Rahmen internistisch-immunologischer Krankheitsbilder (Cushing, Hypothyreose etc.)

Das Vestibular-Syndrom

Das Vestibular-Syndrom beschreibt eine Vielzahl von Symptomen, die von einer Fehlfunktion des Gleichgewichtsapparates selbst oder seiner zentralen Verschaltungen im Gehirn herrühren. Der Vestibularapparat im Innenohr gibt dem Zentralnervensystem permanent Auskunft über die Lage des Kopfes und des Rumpfes im Raum. Die im Zentralnervensystem entstehenden Nervenimpulse werden über den Gleichgewichtsnerven in den Hirnstamm zu den Nervenzellkernen des Gleichgewichtsapparates (so genannte Vestibulariskerne) geleitet.

Eine Schädigung des Vestibularapparates geht meist vom Mittel- oder Innenohr aus. Wird das Gleichgewichtsorgan geschädigt, bekommen die Vestibulariskerne keine Informationen mehr über die Stellung des Kopfes und seine Bewegung im Raum. Dies zieht eine Kopfschiefhaltung um seine Längsachse zur Seite der Läsion nach sich. Die fehlenden Informationen von einer Seite des Körpers führen zu einer Gangstörung, durch die fehlende Koordination. Die Tiere zeigen eine vermehrte Bewegung zur Seite der Kopfschiefhaltung. Das ist dadurch bedingt, dass auf der Seite der Läsion die Vestibulariskerne weniger erregt werden und dadurch die Aktivität der Streckermuskeln weniger stark aufrechterhalten werden kann. Viele Patienten zeigen außerdem einen so genannten Nystagmus in Ruhehaltung des Kopfes. Ein Nystagmus beschreibt eine pendelnde Augenbewegung. Je nach Bewegung des Körpers ist der Nystagmus nicht gleichmäßig, sondern die Augenbewegungen haben eine schnelle und eine langsame Komponente. Der Nystagmus kann horizontal oder vertikal sein.

Alle diese Symptome werden unter dem Begriff des Vestibular-Syndroms zusammengefasst.

Die häufigste Ursache für ein peripheres Vestibular-Syndrom, also eine Schädigung des Gleichgewichtsorgans im Innenohr ist eine Entzündung des Mittel- und darauf folgend des Innenohres, die den Vestibularapparat miteinbezieht. Eine Ohrenentzündung, die keine deutliche Besserung nach entsprechender Behandlungszeit zeigt, stellt daher ein ernstzunehmendes Problem dar.

Tumoren des Innenohres kommen nicht so häufig vor, genauso wie ein selektives Trauma des Innenohres. Dennoch sind dies ebenfalls Differentialdiagnosen, die es abzuklären gilt, wenn die Symptomatik der Kopfschiefhaltung anhält.

Als toxische Ursache (Vergiftung) kommen bestimmte Antibiotika (Aminoglycoside, z.B. Gentamicin) sowie Bestandteile einiger Ohrreiniger (Chlorohexidine und Benzalkoniumchlorid) in Betracht.

Angeborene Missbildungen des Gleichgewichtsorganes sind selten, wohingegen degenerative Prozesse der Funktion des Vestibularapparates beim älteren Tier häufiger vorkommen (sog. geriatrisches Vestibular-Syndrom).

Eine Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) kann in seltenen Fällen eine Funktionsstörung der peripheren Nervenfunktion nach sich ziehen und sich als Vestibularsyndrom äußern.

Eine Reihe von Erkrankungen führt ebenfalls zu einem Vestibular-Syndrom. Hierzu zählen entzündlichen Ursachen, die zu einer Encephalitis mit Beteiligung des Hirnstammes führen. Zu den häufigsten zählt das Staupevirus (gegen das in der Regel geimpft wird), die Toxplasmose und Neosporose sowie die Granulomatöse- und Nekrotisierende Meningoenzephalitis. Unter den tumorösen Erkrankungen stehen das Lymphom und Hirnhauttumore, wie Meningeome im Vordergrund.

Zerebrovaskuläre Verschlusskrankheiten (Infarkte) sind eher selten, genauso wie angeborene Zysten (Arachnoidalzysten in der hinteren Schädelgrube).

Diagnostik

Um die Ursachen für ein Vestibular-Syndrom festzustellen ist eine eingehende Aufnahme der Krankengeschichte notwendig, sowie eine genaue Untersuchung der Ohren (Otoskopie). Rötung, stinkender Geruch im Ohr, sowie Flüssigkeit im Gehörgang und das nicht einsehen können des Trommelfells weisen auf eine aufsteigende Ohrenentzündung hin. Die neurologische Untersuchung ergibt Hinweise auf eine Lokalisation, also ein zentraler (in den Vestibulariskernen des Gehirns) oder peripherer Sitz der Erkrankung (im Gleichgewichtsorgan).

Bei klinischem Verdacht auf eine Ohrenentzündung kann ein Röntgenbild des Schädels mit Fokus auf das Mittelohr Hinweise auf eine Entzündung in diesem Gebiet liefern. Bei dem Verdacht auf ein zentrales Vestibular-Syndrom ist eine Magnet Resonanz Tomografie (MRT) nötig, die das Gehirn darstellen kann. Sind im Vorfeld raumfordernde Prozesse in den Körperhöhlen bekannt, wie zum Beispiele Lungentumore, oder Lebertumore, muss eine Metastasierung ins Gehirn mittels MRT ausgeschlossen werden, da dies eine viel schlechtere Prognose hat, als eine Innenohrentzündung.

Therapie & Betreuung

Das Vestibularsyndrom kommt recht häufig bei älteren Hunden vor und ist im Schnitt gut therapierbar, wenn keine tumoröse Ursache vorliegt. Im Schnitt helfen Infusionen, durchblutungsfördernde Medikamente und manchmal braucht es auch etwas gegen Übelkeit.

In dieser Zeit müssen die Besitzer*innen ihren Hund gut unterstützen, pflegen und zum Teil reinigen.


Ihr Praxisteam der Tiermedizin am Rothenbaum